Feierstunde: Marie Juchacz, Sozialreformerin – Parlamentarierin – Frauenrechtlerin

Marie Juchacz – eine starke Frau

Veranstaltung des Geschichtsvereins Weißenthurm.

Der 13. Dezember 1919 – ein wichtiges Datum in der „großen“ wie auch in der regionalen Geschichte: In Berlin wurde die Arbeiterwohlfahrt gegründet von der Sozialpolitikerin Marie Juchacz, die von 1949 bis 1952 in Weißenthurm lebte.

Aus diesem Grund lud der „Geschichtsverein Weißenthurm“ in Zusammenarbeit mit dem AWO-Seniorenzentrum „Altes Brauhaus zur Nette“ ein zu einer Feierstunde am 13.12.2020 im Marie-Juchacz-Saal der Einrichtung; denn der Geschichtsverein hatte sich auf Spurensuche begeben und wollte die Ergebnisse seiner Nachforschungen vorstellen, um die sich vor allem das Ehepaar Gertrud und Heinrich Wagner verdienst gemacht hatte.

Der Heimleiter Thomas Schuler, der Vorsitzende des Fördervereins der Einrichtung Willibald Görg und der Vorsitzende des Geschichtsvereins Gerd Heim begrüßten die Anwesenden.

Besonders freuten sich die Veranstalter, dass auch eine direkte Verwandte von Frau Juchacz anwesend war: Die Großnichte Frau Heidemarie Kanowski mit ihrem Ehemann.

Danach berichtete Gertrud Wagner den interessierten Zuhörern Daten und Fakten aus Leben und Wirken von Marie Juchacs als Sozialreformerin, Parlamentarierin und Frauenrechtlerin.

 

Marie Juchacz, in einfachen Verhältnissen 1878 in Landsberg an der Warthe im heutigen Polen geboren, lernte die Arbeitswelt wahrlich „von unten“ kennen: Mit 14 Jahren als Dienstmädchen, später als Fabrikarbeiterin und ungelernte Krankenpflegerin tätig, bevor sie eine Lehre als Schneiderin machte.

Als ihre Ehe mit dem Schneidermeister Juchacz scheiterte, zog sie mit ihren beiden Kindern nach Berlin.

1908 trat sie in die SPD ein und war seit 1913 politisch aktiv. Als Frauensekretärin für den Parteibezirk „Obere Rheinprovinz“ in Köln bekümmerte sie sich vor allem um die Textilarbeiterinnen im Raum Aachen. Sie setzte sich ein für die Heimarbeiterinnen und arbeitete in der sich verschärfenden Not im 1. Weltkrieg in der sogenannten Lebensmittelkommission. 1917 wurde sie – von Friedrich Ebert berufen – Frauensekretärin im Zentralen Parteivorstand.

Die Not, die sie so kennenlernte, bewog sie dazu, 1919 die Arbeiterwohlfahrt zu gründen. Sie blieb Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt bis 1933.

Gezwungen durch die Verfolgung aller Andersdenkenden im 3. Reich erreichte sie über viele Stationen der Flucht 1941 die USA, wo sie bis 1949 blieb. Auch in dieser Zeit kümmerte sie sich um die Not anderer: Sie gründete die „Arbeiterwohlfahrt USA“ mit einer doppelten Zielrichtung: Unterstützung von anderen Asylanten in den USA und die Sendung von Hilfspaketen ins kriegszerstörte Deutschland.

1949 kehrte sie nach Deutschland zurück und wohnte einige Jahre in Weißenthurm bei ihrem Sohn Paul, der Verwalter des Nette-Gutes war.

Eine nette Anekdote aus dieser Zeit beschreibt, dass sie zu ihrem siebzigsten Geburtstag so viele Glückwunschbriefe und -telegramme erhielt, dass die Logistik des Weißenthurmer Postamtes fast zusammenbrach: Zwei zusätzliche Postboten mussten für dieses Jubiläum hinzugezogen werden.

Seit 1949 war sie Ehrenvorsitzende der AWO und blieb dies bis zu ihrem Tod 1956 in Düsseldorf.

Auch die politische Entwicklung des ersten demokratischen Staates in Deutschland prägte sie mit. 1919 wurde sie in die Weimarer Nationalversammlung gewählt: Nach der Durchsetzung des Wahlrechtes für Frauen war sie die erste Frau, die im Parlament eine Rede hielt.

Dem Reichstag gehörte sie als gewählte Abgeordnete von 1920 bis 1933 an.

Dann folgten Flucht und Asyl.

Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland engagierte sie sich nur noch in der Arbeiterwohlfahrt.

Unvergessen ist ihr Einsatz für das Frauenwahlrecht und die Gleichberechtigung der Frauen. Ihr überparteiliches Engagement würdigte ein Briefmarkensatz der Bundespost von 1959 „ 50 Jahre Frauenwahlrecht. Er zeigt sie mit der Zentrumspolitikerin Helene Weber, später CDU, und der Liberalen Marie-Elisabeth Lüders.

Im Anschluss an die Würdigung ihres Lebenswerkes überreichte Bürgermeister Gerd Heim dem Heimleiter ein Bild dieser großen Frau der Zeitgeschichte. So wird sie im „Marie-Juchacz-Saal auch optisch präsent sein.

Die Feierstunde wurde bereichert durch musikalische Beiträge von Vincent Schneider am Klavier.
Zum Abschluss kam es noch zu einem zwanglosen Gedankenaustausch der Teilnehmer.

Eine Schautafel zu Leben und Wirken von Marie Juchacz verbleibt noch im Foyer des Seniorenheimes.

 

 

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